Kraft bestaunt Herforder Bauchladen

von Gaby Arndt

Landtags-Wahlkampf: Die Ministerpräsidentin informiert sich in Herford beim Familienunternehmen Archimedes über Zukunftstechnologien und Ausbildung

Herford. Die Landesmutter kam mit großem Pressetross im Schlepptau in die weit entfernte ostwestfälische Provinz. Im Wahlkampf-Tourbus aus Düsseldorf war Hannelore Kraft angereist. Es war kein reiner Wahlkampftermin zur Unterstützung des Kandidaten Christian Dahm, der die Sozialdemokratin an die Engerstraße zur jungen Firma Archimedes führte. Vielmehr wollte sich die Ministerpräsidentin über Zukunftstechnologien und Ausbildung beim umtriebigen Familienunternehmen informieren.

Vor der firmeneigenen Kantine "Henkelmann" stand der mit Dahms Konterfei versehene feuerrote Buckel-Volvo, mit dem der Landtagskandidat aus Vlotho noch bis zum Wahlsonntag in seinem Wahlbezirk unterwegs ist. Doch Krafts erster Blick ging in die (automobile) Zukunft und galt dem blauen E-Mobil aus München, das neben der Ladestation geparkt war: Kraft aus der Steckdose steht sinnig drauf. Und "Hannelörchen" marschiert zielstrebig drauf zu.

Kraftvoll, dynamisch und gut informiert gab sich die Regierungschefin in der anschließenden Gesprächsrunde im dezent weißgrauen Ambiente des "Henkelmanns." Flankiert vom Landtagskandidaten, Landrat Jürgen Müller und Bürgermeister Tim Kähler - allesamt Genossen - unterhielt sie sich mit Auszubildenden, Ausbildern, Geschäftsführung und Betriebsrat.

»Fachkräftemangel nicht nur durch Heldenklau behebbar«

Hausherr und Juniorchef Marc Euscher übernahm die Begrüßung und Vorstellung der Firma, die 1998 als Tochterunternehmen des Energieversorgers EMR gegründet worden ist - und der heute noch dessen Stallgeruch anhafte (O-Ton Euscher).

Doch Archimedes (Jahresumsatz knapp 33 Millionen Euro) hat längst das EMR-Kielwasser und ihren einstigen Firmensitz Bad Oeynhausen verlassen, ist zum reinen Familienunternehmen mit 260 Mitarbeitern in sieben Gesellschaften am Standort Herford avanciert und in vielen Geschäftsbereichen unterwegs. Breit aufgestellt, sagt man wohl. Ein Bauchladen, sagt Marc Euscher liebevoll. Darin enthalten so unterschiedliche Bereiche wie Industriebau, Komplettdienstleistung in der Industrietechnik, Catering, Tagungen und Events, Gebäudeausrüstung, Sanierungen sowie eine Großküche und Kantinen.

Aufs Kernproblem kam der Juniorchef bald zu sprechen: Fachkräftemangel gerade im Ingenieursbereich. Archimedes hilft sich durch Übernahme oder Beteiligungen kleinerer Firmen, die keine Nachfolgeregelungen haben.

"Dem Mangel kann man aber nicht nur mit dem so genannten Heldenklau - dem Abwerben von Fachleuten aus anderen Regionen begegnen." Vehement sprang ihm Thomas Wehlage (Geschäftsführer Archimedes Technik GmbH) bei: "Wir müssen dringend den Bereich Duales Studium im Bereich Ingenieurswesen hier in der Region vorantreiben."

Das mochte die Landesmutter nicht unwidersprochen hinnehmen: "Ich war mal Wissenschaftsministerin, daher weiß ich, dass wir in NRW extrem gut im MINT-Bereich aufgestellt sind. Und in dualen Studiengängen waren wir hier Vorreiter." Kraft wünschte sich jedoch mehr Einflussnahmemöglichkeiten auf die Universitäten. Doch das sei nur eingeschränkt möglich. "Das ist die andere Seite der Selbstständigkeit der Hochschulen", bedauerte Kraft.

Und sie gab Politikern und Wirtschaftsleuten den Rat: "Die Region OWL muss ihre Strategie ändern, überlegen, wie sie Fachkräfte hierher bekommen. Wirtschaft und Politik müssen für neue Impulse sorgen. Das fehlt noch."

Interessiert horchte die Landesmutter bei der Elektromobilität auf. Hier hat Archimedes ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld in Arbeit. Zielgruppe: Fahrzeugflotten von Firmen. Kraft schlug vor, dass sich Archimedes an die Post AG hängt. Thomas Wehlage schlug vor, sich mit einem Förderantrag beim EFRE-Programm Mittel und Unterstützung zu sichern.

Hier kommt ein weiteres Archimedes-Geschäftsfeld ins Spiel: Energieerzeugung vor Ort. Und damit auch die Kommunale Netzgesellschaft im Kreis. Deren Wirksamkeit für die E-Mobilität und die Industrie wird von Tim Kähler als Revolution beschrieben. Den Wittekindskreis machte Landrat Müller der Regierungschefin schmackhaft: "Hier kann man gut und günstig leben." Tim Kähler schloss das Thema selbstbewusst: "Der Slogan lautet - OWL, wir können Zukunft."

Neue Westfälische, 20.04.17. Von Thomas Hagen

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