Demokratie hat keinen Schaukelstuhl

von Katharina Brand-Parteck

Thema Demografischer Wandel: Bundesminister a. D. Franz Müntefering besucht Gesprächsrunde in St. Stephan

Vlotho(VZ). Es ist sein ureigenstes Thema und das merkt man seinem Vortrag auch an: pointiert, fundiert und mit einer gehörigen Portion westfälischem Witz. Franz Müntefering hält in seinem Einführungsvortrag zum Thema »Demografischer Wandel« mit seinem Standpunkt nicht lange hinterm Berg. Da macht der als geradlinig bekannte Bundesminister a. D. auch bei seinem Besuch in Vlotho keine Ausnahme.

Von Joachim Burek

»Die Demokratie hat keinen Schaukelstuhl, in den man sich zurücklehnen kann, auch im Alter nicht.« So lautet sein Appell an alle Generationen, sich den Herausforderungen der älter werdenden Gesellschaft zu stellen. Jung und Alt müssten eine Koalition eingehen, um diese Aufgabe der Zukunft zu meistern, ist das Credo des 75-Jährigen, das er der Zuhörerrunde im Gemeindesaal von St. Stephan zu vermitteln sucht.

Vlotho war gestern Mittag eine der Stationen des prominenten Sozialdemokraten bei seinem Besuch im Kreis Herford. Thematisch sei es gleichsam auch eine Tour durch die älter werdende Gesellschaft, stellte Vlothos SPD-Bundestagsabgeordneter Stefan Schwartze fest, der gemeinsam mit Christian Dahm (SPD, MdL) und SPD-Landratskandidat Jürgen Müller den ehemaligen Vizekanzler bei seiner Rundreise begleitete.

Zum Auftakt hatte Müntefering in Löhne im Eduard-Kuhlo-Heim mit Vertretern der Hospizbewegung gesprochen. In Vlotho waren Pastöre und Vertreter der Presbyterien aus dem Kirchenkreis Vlotho zu einem Gedankenaustausch zum Thema »Demografischer Wandel – Dialog zwischen Kirche und Politik« ins St. Stephans-Gemeindehaus geladen.

»Demografischer Wandel – dieses Thema hat uns im Kirchenkreis seit Jahren fest im Griff. Es ist ein Prozess, der Gestaltung braucht«, sagte Superintendent Andreas Huneke in seiner Begrüßung. Gerade in Vlotho habe man Gespräche mit tiefgreifenden Veränderungen für die örtliche Kirchenlandschaft gerade hinter sich, betonte er.

Franz Müntefering griff in seinen Ausführungen dann den Gedanken Hunekes auf, die gestalterische Herausforderung dieses gesellschaftlichen Umbruchprozesses anzunehmen. Müntefering: »Es gibt viele Möglichkeiten, Lebensqualität zu erhalten. Daher brauchen wir auch keine Angst vor dem demografischen Wandel zu haben.«

Aufgabe gerade auch der Kommunen in der Fläche, so der frühere Bundespolitiker, sei es, jungen Familien attraktive Angebote bei Kindertagesstätten, Schulen, Wohnraum und gut bezahlten Jobs zu machen. »Dabei kommt es auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an«, stellte er fest. Darüber hinaus müssten soziale Treffpunkte in Kirchen und Vereinen den Menschen Gelegenheit geben, heimisch zu werden und auch, um später im Alter nicht zu vereinsamen.

Die zweite Herausforderung, die sich gerade den Senioren in der älter werdenden Gesellschaft stelle, sei es, beweglich zu bleiben. »Solang Du klar im Kopf bist, bist Du mit verantwortlich für die Gesellschaft, ob durch aktives Engagement im hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Bereich«, sagte Müntefering, der sich dann Fragen aus dem Publikum stellte.

Nach dem Besuch in Vlotho ging es für Franz Münterfering weiter nach Enger. Dort stand ein Besuch der Seniorenwohnanlage Jürgings Hof auf dem Programm. Am Abend folgte schließlich die Hauptveranstaltung in Herford. Dort sprach Müntefering bei einer Diskussionsveranstaltung im Königin-Mathilde-Gymnasium zu dem Themenbereich »Begleiteter Suizid – Leben und Sterben in Würde«.

Westfalen-Blatt Vlotho, 14.04.2015

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